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Sail-Kolumne

18.09.2007

Brauchen wir noch waghalsige Experimente?

Neben den traditionellen Segelschiffen aus dem europäischen Kulturraum begleitet die Mannschaft des Hanse-Sail-Büros seit einigen Jahren zwei „Exoten“.

Die KUBLAI’S KAHN II aus asiatischen Gewässern mit Axel Brümmer und Peter Glöckner, die zur Hanse Sail 2007 in Richtung Brasilien verabschiedet wurden, und die ABORA III von Dominique Görlitz (Foto links) und seiner Crew. Es ist ein südamerika-nisches Schilfboot, das von Bootsbauern auf der Basis uralter Techniken und Erfahrungen am Titicaca-See für die geplante Atlantik-Überquerung gebaut und mühselig nach New York gebracht wurde. Von hier startete das steinzeitliche Boot am 11. Juli 2007 zu der 7400 Kilometer langen Überquerung.

Im Herbst war an der Küste der iberischen Halbinsel ein Treffen der beiden Schiffe geplant. Daraus wird nun leider nichts. Görlitz brach nach 56 Tagen und 900 Kilometer vor dem Ziel die Reise mit der ABORA III aufgrund schlechten Wetters und des angeschlagenen Bootes die Überquerung ab. Nun setzt die Zeit des Wertens und Bewertens ein. Die Skeptiker und Kritiker sehen sich bestätigt.

Der Biologielehrer und Experimentalarchäologe Görlitz wertet den Versuch, der an Thor Heyerdahls Kon-Tiki-Reise vor 60 Jahren erinnert, als nicht umsonst ein. Erfahrungen gesammelt ... aber eben nicht angekommen. Das Vorhaben, auch weil es gescheitert ist, wirft die Frage auf, wie wir mit solchen Aktionen umgehen. Ist es anders als zu Zeiten von Kolumbus oder Thor Heyerdahl, als nicht wenige aus dem sicheren Hafen heraus die Akteure für „verrückt“ erklärten?

Heute kommt noch das Attribut „verantwortungslos“ hinzu. Aber Görlitz und seinen zehn Mitstreitern gehört Respekt, nicht nur für die Besessenheit, eine Idee umzusetzen, eine Theorie zu beweisen und für ihren Mut, sondern auch für die unvorstellbaren Leistungen bei der Begleitung des Baus des Schiffes in Südamerika, beim Transport nach New York oder bei der Finanzierung des Projektes.

Bekannte Pfade zu verlassen, in Neuland vorzustoßen, dabei auch Risiken einzugehen, gehört seit Menschengedenken zu den „Triebfedern“ der Entwicklung. Und heute? Wo schon alle Ecken der Welt entdeckt und erforscht sind? Und das Geld knapp ist und die Bedenkenträger immer mehr das Sagen kriegen?

Görlitz wollte mit seinem Schilfboot-Experiment nachweisen, dass schon vor 14.000 Jahren eine Ozeanüberquerung und damit der Kontakt der Kulturen diesseits und jenseits des Atlantik möglich war. Spuren von Tabak in den Pharaonengräbern Ägyptens sind für ihn Indiz und Impuls für seine Aktivitäten und Aktionen. Ist die ABORA IV in Sicht?

Der Weg dahin ist ein lohnenswertes Ziel. Görlitz, Brümmer und Glöckner sind um die vierzig und stammen aus Thüringen beziehungsweise aus Sachsen. Sie bestätigen nicht nur den alten DSR-Slogan, dass die besten Seeleute von dort kommen, sondern sie und ihre Aktionen passen zur Hanse Sail, einem sozialen und finanziellen Experiment auf einer anderen Ebene. Uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut (hier allerdings mit deutlichen Unterschieden, was die offene See und ihre Tücken angeht) unter der Losung: „Es lebe die Experimentierfreude!“

Klaus-Dieter Block